Kontrakturenprophylaxe

Was ist eine Kontrakturenprophylaxe?

Als eine Prophylaxe bezeichnet man eine Maßnahme, die dazu dient etwas zu vermeiden. In diesem speziellen Fall versucht man mit dieser prophylaktischen Maßnahme Kontrakturen in den Gelenken eines Bewohners zu vermeiden. Hauptsächlich versucht man dies mit Bewegung und Mobilisation zu erreichen. Es gilt aber auch Pflegefehler zu vermeiden, die ebenso zur Kontrakturenbildung führen können

Was ist eine Kontraktur?

Als Kontraktur (lat. contrahere = zusammenziehen) bezeichnet man eine dauerhafte Verkürzung von Sehnen, Muskeln und Bändern die wiederum zur Einschränkungen in der Beweglichkeit führt. Gelenkpfanne und Kelenkkugel können miteinander vollständig verwachsen. Bewegungen sind dann nicht mehr möglich. Kontrakturen sind zu meist von Dauer und können nur sehr schwer und nur in ganz wenigen Fällen wieder zurück gebildet werden. Sie können bis hin zur vollständigen Versteifung führen. Der Bewohner ist in der Regel nicht mehr in der Lage ein von einer Kontraktur betroffenes Gelenk zu bewegen. Es kann dann nur noch passiv durch die Pflegekraft bewegt werden. Das Bewegen des Gelenkes gestaltet sich oft schwierig und ist mit häufig mit Schmerzen verbunden. Eine vorübergehende Funktionseinschränkung z.B. nach dem Tragen eines Gipses ist noch keine Kontraktur, so lange die Funktionalität durch Training und Krankengymnastik wieder hergestellt werden kann. Eine solche Funktionseinschränkung kann allerdings als “Vorstufe” zu einer Kontraktur betrachtet werden. Findet kein Training statt, so kann es in kürzester Zeit zu einer Kontraktur kommen.

 

Welche Arten von Kontrakturen gibt es?

Man unterscheidet unter verschiedenen Arten von Kontrakturen. Noch einmal möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass alle Arten von Kontrakturen zu Schmerzen führen.

1. Beugekontraktur

Eine Beugekontraktur entsteht bei einer Verkürzung von Sehnen, Bändern und Muskeln an der Gelenkinnenseite. In der Praxis kann man dies daran erkennen, dass der Arm nicht mehr vollständig ausgestreckt werden kann. Der Arm bleibt gebeugt. Ebenso lässt sich dies auf alle anderen Körper Regionen übertragen.

 

2. Streckkontraktur

Die Streckkontraktur ist das Gegenteil zur Beugekontraktur. Hier kommt es zu Verkürzung von Sehnen, Muskeln und Bändern an der Außenseite, was zur Folge hat, dass ein Arm oder ein Bein nicht mehr gebeugt werden kann.

 

3. Spitzfuß (Spitzfußkontraktur)

Der Spitzfuß gehört insbesondere bei immobilen Bewohnern zur am schnellsten entstehenden Kontraktur. Der Fuß wirkt, als würde er nach vorne ausgestreckt werden. Der Bewohner ist nicht mehr in der Lage den Fuß anzuziehen. Das stehen auf beiden Füßen ist somit nicht mehr möglich. Hierbei sei noch angemerkt, dass es in früheren Zeiten eine “Spitzfußprophylaxe gab”. Diese Prophylaxe wird in der Regel inzwischen in die Kontrakturenprophylaxe eingefasst.

4. Abduktionskontraktur

Abduktionskontraktur bedeutet so viel wie “abgespreizt”. Es ist an dieser Stelle schwierig Bilder in einen Text zu fassen, ich werde es aber doch einmal versuchen. Am besten funktioniert es wenn man sich einen Arm vorstellt. Ist dieser abgespreizt und kann nicht mehr an den Körper heran gedrückt werden, so bezeichnet man dies als Abduktionskontraktur.

5. Adduktionskontraktur

Die Adduktionskontraktur ist das Gegenteil zur Abduktionskontraktur. Hier kann das Körperteil nicht mehr vom Körper abgespreizt werden. In der Pflege sieht man das häufig dann, wenn der Arm eines Bewohners fest an den Bauch gepresst zu sein scheint. Man kann dann auf Grund der Kontraktur die Achselhöhlen nur noch schlecht erreichen.

Es gibt weitere Arten von Kontrakturen, auf die ich an dieser Stelle aber nicht weiter eingehen möchte. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. In der alltäglichen Pflege reicht es diese 5 wichtigsten Arten von Kontrakturen zu kennen. In der Praxis kann man Kontrakturen wie Dermalkontraktur oder Neurogenekontraktur schnell nachschlagen. Letztlich basieren diese aber auf den 5 beschriebenen Arten.

 

Welche Bewohner sind Kontrakturengefährdet?

Es gibt zahlreiche Riskofaktoren für Kontrakturen. Einige Maßnahmen, die man z.B. in der Dekubitusprophylaxe anwendet können bereits einen Risikofaktor für eine Kontraktur darstellen. Ein Wechseldrucksystem z.B. schränkt die Beweglichkeit des Bewohners oder Patienten ein und verringert somit die Eigenbewegung, was wiederum zu einem Kontrakturenrisiko führt. Risiko und Maßnahmen müssen deshalb individuell je nach Bewohner geplant werden. Es kann sinnvoll sein auf ein Wechseldrucksystem bei bestehendem Dekubitusrisiko zu verzichten und damit das Risiko von Kontrakturen zu vermindern. Gleichzeitig kann sich aber auch das Dekubitusrisiko hierdurch erhöhen. An dieser Stelle ist die Arbeit für die Altenpflegerin oder den Altenpfleger schwierig, da man sich für das eine oder das andere entscheiden muss. Als Fachkraft sollte man solche Entscheidungen immer im Team besprechen. So fällt es leichter die richtige Entscheidung zum Wohle des Bewohners zu treffen. Schauen wir uns die einzelnen Risikofaktoren aber jetzt erst einmal an:

 

1. Immobilität

Sitzt ein Bewohner im Rollstuhl und ist somit quasi immobil besteht ein Kontrakturenrisiko, da die Beine in aller Regel nicht mehr vollständig bewegt werden können. Ebenso liegt eine Kontrakturengefährdung auch bei allen anderen Arten von Immobilität vor. Insbesondere bei Schlaganfallpatienten (Appoplex) in Verbindung mit einer Hämiplägie oder einer Hemiparese besteht ein hohes Risiko, da hier Körperteile nicht mehr gezielt gesteuert bzw. bewegt werden können.

2. Inaktivität

Wird über lange Zeit ein Gips getragen besteht ein hohes Kontrakturenrisiko. Insbesondere falsche Lagerungen und fehlende Mobilisation führen in Pflegeheimen oft zu Kontrakturen. Insbesondere Spitzfüße entstehen durch falsche Lagerungsmaßnahmen oder nicht ausreichende Mobilisation. Werden die Füße im Bett so gelagert, dass sie aufrecht stehen wird ein Spitzfuß automatisch vermieden. Bei der Mobilisation des Bewohners sollte er (im Rahmen der Möglichkeiten) einige Zeit auf beide Füße gestellt werden. Auch das stundenweiße anziehen von festen Schuhen im Bett hat sich als äußerst hilfreich erwiesen.

3. Schonhaltung

Hat ein Bewohner in einem Gelenk Schmerzen, so kommt es automatisch zu einer Schonhaltung. Auch hierdurch können schnell Kontrakturen entstehen, wenn keine Maßnahmen gegen die Schmerzen ergriffen werden. Zur Einschätzung von Schmerzen und die Auswirkung auf den Bewegungsapparat hilft das Hinzuziehen der Schmerzerfassung. Hier kann man erkennen, wann interveniert (d.h. eingegriffen) werden sollte. Es sollte in jedem Fall der Kontakt mit dem Hausarzt gesucht werden.

4. Medikamente

Zahlreiche Medikamente sorgen beim Patienten / Bewohner für Müdigkeit. Die Müdigkeit trägt in den meisten Fällen dazu bei, dass sich der Bewohner weniger bewegt als er sollte. Die mangelnde Bewegung kann dann, je nach Ausmaß, zu einem Kontrakturenrisiko führen.

Grundsätzlich gilt, dass jede Form von Bewegungsvermeidung zum Kontrakturenrisiko führt. Auch eine dauerhaft herbeigeführte Fehlstellung aus den verschiedensten Gründen führt zu einem erheblichen Kontrakturenrisiko. Weitere Risiken führe ich in einzelnen Punkten kurz auf:

  • allgemeiner Bewegungsmangel
  • Bettlägrigkeit
  • Ortsfixierung z.B. im Sessel oder im Rollstuhl
  • degenerative oder akut entzündliche Gelenkerkrankungen
  • Frakturen
  • reuhmatische Erkrankungen

 

Wie verhindert man Kontrakturen? Wie geht man mit bereits vorhandenen Kontrakturen um?

In der Praxis ist es wichtig Kontrakturen zu vermeiden und prophylaktisch vorzubeugen, so dass es gar nicht erst zu einer Kontraktur kommt. Dies ist nicht immer einfach, da viele Bewohner auf Grund von Vorerkrankungen oder mangelnder Einsicht die Maßnahmen teilweise ablehnen oder nicht in der Lage sind aktiv an den Maßnahmen mitzuarbeiten. Besonders bei an Demenz erkrankten Menschen muss häufig immer wieder viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit diese sich auf die prophylaktischen Maßnahmen zur Vermeidung von Kontrakturen einlassen und aktiv mitarbeiten.

Sind bereits Kontrakturen vorhanden ist es in der Praxis schwierig diese langsam wieder zu lösen. Dies sollte dann aber auch nicht die Aufgabe der Pflegefachkraft sein, sondern die des Krankengymnasten. Dieser hat eine wesentlich Umfangreichere Ausbildung. Im Zweifel sollten die Maßnahmen mit dem behandelnden Hausarzt abgesprochen werden.

Sollten die unten stehenden Maßnahmen durchgeführt werden ist insbesondere wie oben bereits beschrieben auf die Schmerzgrenze des Bewohners zu achten. Diese sollte nicht überschritten werden. Stellen sich Anzeichen von Schmerzen bei der Bewegung ein  muss der Hausarzt darüber informiert werden. Es sollte dann ein Bedarfsmedikament gegen Schmerzen angeordnet werden, damit der  Bewohner die Bewegungen weiterhin durchführen kann.

Das Pflege Ziel ist also, die Kontraktur zu vermeiden. Im nächsten Teil des Artikels schauen wir uns die Möglichen Maßnahmen an.

 

Welche Maßnahmen zur Vermeidung von Kontrakturen gibt es?

In den meisten Fachbüchern findet man lediglich die beiden Schlagworte “Mobilisation” und Bewegung. Das ist sicher richtig, da man Kontrakturen nur mit Bewegung vermeiden kann. Das gilt für alle Gelenke im Körper. Ich möchte die Maßnahmen hier aber etwas genauer beschreiben, damit ihr wisst, wie ihr Mobilisation und Bewegung in der Praxis umsetzen könnt. Wichtig zu wissen ist, dass die prophylaktischen Maßnahmen 4-6 mal pro Schicht durchgeführt werden sollten. Nur so kann man Kontrakturen in der Pflege effektiv vermeiden. Sicher überlegt ihr wahrscheinlich gerade im Moment wann man sich für einen Bewohner so viel Zeit nehmen kann. Denkt darüber nach, welche Tätigkeiten ihr am Tage noch bei dem betreffenden Bewohner durchführt. Oft kann man mit wenigen Handgriffen schon sehr viel erreichen und eine Aufgabe mit der anderen verknüpfen.

1. Krankengymnastik

Generell sollte bei jedem Bewohner mit Kontrakturengefährdung das Hinzuziehen einer Krankengymnasten mit dem Arzt besprochen werden. Gerade bei Bewohnern bei denen sich das Bewegungsbild verschlechtert ist dies eine gute Sache. Viele Ärzte sträuben sich hier aber auf Grund des knappen Budgets davor. Durch Krankengymnastik und spezielle Übungen wird das Bewegungsbild wieder aufgebessert, der Bewohner erhält mehr Lebensqualität und Kontrakturen werden kurz- und mittelfristig vermieden

2. Förderung der Eigenbewegung

Man sollte Bewohner die noch mobil sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder zu Spaziergängen auf dem Wohnbereich oder innerhalb der Einrichtung auffordern und motivieren. Es hilft bei geistig fitten Patienten oft auch die Gefahren aufzuzeigen und zu erklären. Mit der Ergotherapie im Haus können spezielle Maßnahmen wie Handarbeiten, Sitzgymnastik und motorische Übungen abgesprochen und geplant werden. Zum bewegen der Hände und Füße kann ein Hand- oder Fußbad hilfreich sein. Da die Hände besonders Kontrakturengefährdet sind bietet es sich an, Bälle, Waschlappen o.ä. in die Hand des Bewohners zu geben. Man kann dann den Bewohner dazu auffordern den Gegenstand zu kneten o.ä.. Ggf. sollte diese Maßnahme unter Anleitung bzw. Mithilfe durch das PP erfolgen, wenn der Bewohner dies kognitiv nicht mehr umsetzen kann.

3. Fixierungen wenn möglich vermeiden

Fixierungen sind bei einigen Bewohnern auf Grund von Eigengefährdung notwendig. Man sollte Fixierungen aber wirklich nur dann einsetzen, wenn sie unbedingt notwendig sind. Es sollte regelmäßig geprüft werden, ob die Fixierung gelockert oder vollständig gelöst werden kann. So hat der Bewohner die Möglichkeit sich mehr zu bewegen und das Kontrakturenrisiko sinkt.

4. Verzicht auf Weichlagerungsmatratze und Wechseldrucksystem

Sollte das Dekubitusrisiko nicht all zu hoch sein sollte man überlegen, ob es sinnvoll ist auf Weichlagerungsmatratzen bzw. Wechseldrucksysteme zu verzichten. Durch das tiefere einsinken bei diesen Matratzen werden die Eigenbewegungen eingeschränkt.

5. Lagerung

Es sollte darauf geachtet werden, dass physiologisch sinnvoll gelagert wird. Dies kann man erreichen, indem z.B. die Beweglichkeit nicht durch Kissen vollständig eingeschränkt wird. Insbesondere beim zudecken sollte man darauf achten, dass kein Druck von oben auf die Fußzehen ausgewirkt wird. Es wird sonst ein Spitzfuß gefördert. Speziell beim Thema Spitzfuß ist es ratsam ein Kissen zwischen Fuß und Fußteiles des Bettes zu legen, so dass der Fuß im Bett aufrecht steht. Der Fuß sollte wie beim Stehen ca. 90° angewinkelt sein.

6. Passives bewegen durch das Pflegepersonal

Bei Bewohnern die bettlägrig, ortsfixiert oder nicht mehr in der Lage sind aktive Bewegungen durchzuführen ist die Kontrakturenprophylaxe besonders wichtig. Hier übernimmt das Pflegepersonal den aktiven Teil der Arbeit. Der Bewohner verhält sich hierbei passiv. Mindestens zweimal täglich sollten angefangen bei den kleinen bis hin zu den Großen jedes Gelenk durchbewegt werden. Unbedingt zu beachten ist, dass bei den kleinen Gelenken begonnen werden muss. Bei der Durchbewegung der Gelenke wird immer Rumpfnah (proximal) gehalten und körperfern (distal) bewegt. Möchte man z.B. die Fußzehengelenke durch bewegen so hält man den Fuß an der Verse mit der einen Hand und bewegt die Gelenke mit der anderen Hand. Die Reize auf das Gelenk durch bewegte Gelenk bleiben so erhalten und die Muskeln werden vor Atrophie geschützt. Eine Schrumpfung der Gelenkkapsel wird vermieden.

 

Tipp: Bei der Grundpflege lassen sich die meisten Maßnahmen perfekt mit einplanen.

Ich hoffe der Artikel war für euch hilfreich. Über Anmerkungen würde ich mich freuen :-)

3 Gedanken zu “Kontrakturenprophylaxe

  1. Das ist Wahnsinn.! Ich habe morgen Mündlicheprüfung & werden über diese Prophylaxe gefragt. Ich habe es einfach nicht in meinem Kopf rein bekommen, bis ich dieses hier gelesen habe.! Wow.! Einfach nur Klasse.! Danke Danke Danke :)

  2. Hallo, ich finde diese Seite super. In den nächsten Wochen muss ich ein soziales Lernen (eine Art Weiterbildung) zum Thema Kontrakturenprophylaxe halten und jetzt habe ich einen super Anfang.
    Danke

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